Aber bitte mit Licht und Sound – Kirchen als Kulturorte nutzen

Viele Kirchen bieten sich aufgrund ihrer zentralen Lage dazu an, als Kulturorte genutzt zu werden, sei es für Konzerte, Fortbildungsveranstaltungen, Stand up Comedy oder Rudelsingen. Die Vorteile einer solchen Nutzung liegen auf der Hand: Kirchenferne entdecken den Ort neu, eine größere Bekanntheit und Auslastung, möglicherweise zusätzliche Einnahmen durch Vermietungen usw. Ein Bereich, der bei der Entwicklung neuer Nutzungskonzepte gerne übersehen wird, ist professionelle Licht- und Soundsteuerung. Meiner Erfahrung nach liegt dies eher am Unwissen als am Unwillen der Entscheider. Viele Hauptamtliche wie Pfarer*innen und Kirchenmusiker*innen sind in der Welt der klassischen Musik verheimatet und haben ein Wissensdefizit, wenn es um Veranstaltunsgtechnik geht. Der Pfarrer denkt: „Hauptsache es gibt ein (drahtloses) Mikro, damit jede*r auch meine Predigt versteht!“, die Kirchenmusikerin sagt sich: „Ich habe ja eine Orgel und ein Klavier und dann gibt es ja noch Chor und Posaunenchor!“ Und die Kirchmeister*nnen denken häufig zuerst an die Kosten und die Optik!

Was braucht ein moderner Veranstaltungsort? Flexibilität!

Die Flexibilität fängt bei der Bestuhlung an. Räumen Sie einen Teil der Kirchenbänke (oder alle) raus, verkaufen Sie diese und den Erlös investieen Sie in bequeme (!) Stühle und klappbare Tische. Und auf einmal sehen Sie, wieviel Platz sie haben! Schon einmal daran gedacht, in der Winterzeit eine Hüpfburg in der Kirche aufzustellen? Oder eine Schaukel anzubringen? Jetzt haben Sie den Platz dafür.

Natürlich kann ich hier mit dem Investment stoppen und sagen, ich vermiete meine Kirche einfach als einen Raum, für die Technik ist der Mieter zuständig. Soll er halt mitbringen! Bei großen Veranstaltungen wird dies auch häufig so sein, aber ich kann es den Veranstaltungstechnikern und Nutzern auch etwas einfacher machen und in ein paar Dinge zusätzlich investieren:

1. In Kabel investieren
Technik braucht (Stark-) Strom. Die Anschlüsse müssen auch nicht unbedingt im Altarraum sitzen. Veranstaltungstechniker*innen sind es gewohnt, Verlängerungskabel zu legen. Viel wichtiger ist, dass es überhaupt einen extra abgesicherten Starkstromanschluss gibt und alle Steckdosen (und die dazugehörigen Sicherungskreise) ordentlich beschriftet und durchgemessen sind, so dass die Strombelastung per Tabelle schnell ermittelt werden kann.
Sind die Begriffe multicore und stagebox bekannt? Nein? Hierbei handelt es sich um gebündelte Kabelwege für Licht- und Tontechnik. Vieles geht heute auch per Funk drahtlos, aber so manche*r Techniker*in vertraut im Livekonzert doch noch lieber dem Kabel, das schnell ausgetauscht werden kann, denn Funk kann gestört werden und je mehr Funkstrecken sie benutzen, desto aufwendiger wird die Frequenzplanung hierfür. Wenn die Elektrik der Kirche sowieso erneuert wird, sind die Mehrkosten für multcore Strecken überschaubar, aber jedes unter dem Boden professionell verlegte Kabel bedeutet eine Stolperfalle weniger und weniger Aufbauzeit.
Vergessen Sie nicht die Netzwerktechnik und die Anbindung an das Internet! Viele Veranstaltungen brauchen heute einen stabilen Zugang zum Internet. Das fängt häufig schon bei der Kartenkontrolle per QR-Scanner an. Livestreaming und hybride Veranstaltungen brauchen vor allem einen stabilen und breiten Uploadkanal. Investieren Sie in einen Glasfaseranschluss und ein managable WLAN. Das kommt der ganzen Gemeinde zu gute. Es muss nicht gleich ein WLAN für 1000 gleichzeitige Teilnehmer*innen installiert werden, 5G ist heute Mobilfunkstandard, jedes Handy (und damit jede*r Teilnehmer*in) kommt damit gut ins Internet. Viel wichtiger ist, dass es ein Netzwerkkabel vom Router zum Ort des Mischpultes (s.u.) gibt, damit der Livestream eine feste, möglichst störungsunabhängige Bandbreite hat, daher managable und Lastverteilung als Hardwareanforderung für den Router.

2. In der Höhe investieren
Die ganze Ton- und Lichttechnik muss nicht nur angeschlossen sondern irgendwo auch aufgestellt und montert werden. Fixpunkte an Säulen für Lautsprecher, eine oder mehrere Traverse(n) unter der Decke mit festgelgter Nutzlast und jede*r Techniker*in wird dankbar sein, denn dies bedeutet viele Ständer weniger, weniger Stolperfallen, weniger Kabel in der Luft, weniger Aufbau! Lassen Sie sich von einem Statiker beraten, der Ahnung von Veranstaltungstechnik hat. Wenn ihre Kirche eine Traverse bekommt, können Sie diese ja auch für Ihr eigenes Programm nutzen (Beamer, Spotlights, Mikrofon für Aufnahme des Raumklangs, Kamera für Streaming…).

3. An die Menschen denken, die die Veranstaltungstechnik bedienen
In vielen Kirchen steht die Verstärkeranlage in der Sakristei, ein denkbar schlechter Ort, um live den Sound zu korrigieren oder moving spots zu steuern. Kirchen sind für Tontechniker*innen häufig schwierig, viele steinerne Flächen, viel Nachhall. Eine leere Kirche klingt immer völlig anders, als eine volle mit Menschen, denn diese dämpfen den Schall. Der Tontechniker möchte daher am liebsten bei den Menchen sein (und wie diese zuhören) und die Bühne/den Altarraum direkt sehen, um dementsprechend reagieren zu können, z.B. bei einer Rückkopplung. Der beste Platz für das Mischpult ist daher im oder hinter dem Zuschauerbereich oder direkt darüber auf der Empore. Hier müssen also die Multicorkabel für Licht und Sound enden, hier brauchen wir Strom und einen Internetzugang (s.o.) und eine separate, dezente Beleuchtung wäre neben einem bequemen Stuhl und genug Platz für alle Technik auch ganz schön.

4. In bewegte Bilder investieren
Projektion muss nicht automatisch Leinwand und Beamer heißen. Es gibt auch LCD-Bildschirme mit 2m+ Diagonale, Stichwort Digital Signage Display. Manchmal sind auch mehrere (gekoppelte) LCDs statt einer riesiegen Projektionsleinwand die sinnvollere Lösung. Wenn die LCDs noch auf Rollen transportabel sind, dann bin ich bei der Raumnutzung höchst flexibel. In vielen Schulen sind solche LCD-Bildschirme mit Touchfunktion als digitalen Tafeln schon im Gebrauch. Wenn Sie ihre Kirche als Ort für Fortbildungen und Seminare etablieren wollen, dann sollten Sie über den Kauf einer solchen digitalen Tafel nebst integrierter Kamera und Richtmikrofon nachdenken.

Puuh! Das kostet aber erst einmal ganz schön viel Geld!

Denken Sie an Synenergien und legen Sie vor dem Investieren fest, welche Nutzergruppen Sie ansprechen wollen. Wenn es um große Konzerte geht, dann brauchen Sie eine Infrastruktur für die Technik, die in der Regel vom Konztertveranstalter mitgebracht wird. Planen Sie eher im Fortbildungsbereich oder mit lokalen Musikgruppen und Künstlern, dann werden Sie attraktiv, wenn Sie auch Licht- und Tontechnik in Grundausstattung bereitstellen können. Von guter Ton- und Lichtetchnik profitieren auch die gemeindeeigenen Veranstaltungen! Moderne PA Systeme bieten den Vorteil, dass sie – anders als die häufig fest instalierten kleinen Kirchenlautsprecher – sowohl gut Sprache als auch Musik wiedergeben können. Spots und Moviengheads bzw. farbige LED-Strahler illuminieren auch das Krippenspiel des Weihnachtsgottesdienst stimmungsvoll. Wenn sich der Auf- und Abbau verkürzt, dann kann die Auslastung gesteigert werden, d.h. mehr Veranstaltungen können angeboten werden. Wenn ich eine sehr gute stabile Internetverbindung in der Kirche habe, bietet sich auch die Nutzung tagsüber als Co-Working-Space oder Lernraum an. Nachwuchsmusiker und Schülerbands sind glücklich, wenn es ein Proberaum mit Mischpult und PA gibt und sie nur ihre Instrumente einstöpseln müssen (vorhandene Monitorboxen wären dann natürlich auch super). Feste oder mobile Digital Signage Displays können auch die Liedtexte im Gottesdienst anzeigen oder in der Konfirmanden- und Jugendarbeit genutzt werden (oder für Werbespots…).

Zuletzt: an die menschlichen Bedürfnisse denken

Wie sieht es mit genug Toiletten aus? Bei großen Veranstaltungen wird die Anzahl der Toiletten in der Kirche oder im Gemeindehaus nicht reichen. Aber es gibt ja auch Toilettenwagen zum Mieten. Diese benötigen aber immer einen Frischwasseranschluss, einen Abwasseranschluss und Strom. Sind diese drei vor ihrer Kirche verfügbar?! Haben Sie eine ebene Aufstellfläche auf eigenem Grund oder benötigen Sie einen Stellplatz im öffentlichen Raum, der beantragt werden muss?

Lassen Sie sich beraten! Einmal, wie sich ihr Kirchraum multifunktional entwickeln und nutzen lässt. Und dann durch einen professionellen Veranstaltungstechniker (nicht Veranstaltungstechnikverkäufer!), der anhand dieses neu entworfenen Nutzungskonzepts mit Ihnen überlegt, was unbedingt notwendig an Investitionen ist. Und vielleicht gibt es ja auch Fördertöpfe oder Spenden für die nice-to-have Technik darüber hinaus…