Warum es sinnvoll ist, sich für die Zukunft der Kirche frei von (der Machte der) Pfarrer*innen zu machen

„Der Pfarrer ist anders“ hieß eine bekannte Studie aus den 80er Jahren des letzten Jahrtausends. „Kirche ist anders“ ist ein häufig vorgetragenes Mantra, das immer wieder neu erklären soll, warum bestimmte Strukturen, Abläufe und Entscheidungswege in Kirche so sind, wie sie sind (in welcher Kirche eigentlich?!). Ja, Kirche ist anders organisiert als ein Verein oder eine Firma, systemisch kann man Kirche als ein Hybrid-System analysieren.

Wenn ein System – in diesem Fall das System Kirche – als ein Verbund von unzähligen Körperschaften des öffentlichen Rechts, gepaart mit Diakonie und gGmbHs, strukturiert auf zig hierarchischen Ebenen, sich verändern soll (und muss), dann lohnt es sich immer, den Weg von Entscheidungen anzusehen und zu analysieren, wie das System Informationen verarbeitet und neue generiert. Bei Kirche eine fast unlösbare Aufgabe. Glücklicherweise ist Kirche aber sehr gut daran, sich selbst rechtlich zu ordnen mit einem eigenen landeskirchlichen Kirchenrecht. Schauen wir uns diese Ordnungen jetzt näher an, dann sticht die Personalgruppe der ordinierten und auf Lebenszeit verbeamteten Pfarrpersonen prominent hervor. Vielleicht verständlich, ist die Pfarrperson so zusagen das Gesicht der Kirchengemeinde und aufgrund des Berufs in der Öffentlichkeit präsent.

Offiziell wird natürlich an allen Stellen auf den Proportz zu den anderen Mitgliedern, den Laien, geachtet. Wer aber etwas genauer hinsieht, der bemerkt, dass an vielen Stellen Pfarrpersonen offizielle und inoffizielle Mitspracherechte haben und besondes vernetzt sind. So gibt es monatliche Pfarrkonferenzen, manchmal auch Pastoralkonferenzen genannt (dann sind alle Menschen mit beruflichem Verkündigungsauftrag eingeladen, z.B. Diakon*innen). Aber gibt es auch monatliche Presbyter*innentreffen, bei denen sich die Presbyter*innen verschiedener Gemeinden austauschen können?! Es gibt für Pfarrpersonen die Pastoralkollegs zur Fortbildung, die Einkehrtagungen, den Pfarrverein… Alles Orte der Vernetzung, des informellen Austausches, der Vorbesprechung wichtiger Entscheidungen.

Was bedeutet dies für die Informationsverarbeitung in Kirche? Informationen und Wissen um diese bedeutet Entscheidungsmacht. Gepaart mit der Stimmmacht haben gerade Pfarrpersonen die Macht, Dinge zu verändern oder zu verhindern.

Weil die Pfarrpersonen diese Macht haben, kommt es immer wieder zu erstaunlichen Irrwegen. Eine Landeskirche wollte digital in die Cloud mit einem großen amerikanischen Anbieter. Nun ist ein Rollout mit über 100.000 Nutzerkonten alles andere als trivial. Der Prozess wurde von Kirchenbeamten und Pfarrpersonen vorbereitet, betreut und überwacht, also genau dem Fachpersonal, das im Silicon Valley besonders gesucht wird… Die Cloud ging zwar an den Start, riss aber in den Haushalt der Landeskirche ein ziemliches Loch. Gepaart mit anderen finanziellen Fehlentscheidungen (u.a. von Jurist*innen und ordinierten Theolog*innen) kam es zu einer solchen finanziellen Schieflage, dass eine Phase der Haushaltsicherung folgte (ich verkürze etwas, es gab natürlich noch mehr Ursachen und Verantwortlichkeiten für diese finanzielle Misere).

Aber, dies hatte positive Folgen, an der Vize-Spitze der Landeskirche steht jetzt ein Ökonom, Gesetze wurden verändert. Kirche ist als System also auch lernfähig, dumm nur, wenn das Lernen so teuer war…

Meine These ist, dass Kirche gut daran tut, die Macht anders zu verteilen, Informationsflüsse zu verbreitern und vor allem die Fähigkeiten der Laien in der Leitung einzusetzen, denn diese haben vielfache Expertisen, über die Pfarrpersonen gerade nicht verfügen. Das muss nicht gleich heißen, das Beamtentum für Pfarrpersonen aufzugeben, aber Presbyterien können und werden auch von Nicht-Pfarrpersonen geleitet, Kirchenkreise dagegen nicht, Landeskirchen (bis auf Bremen) auch nicht. Kirchliche Institute häufig auch nicht. Auf den höheren Ebenen liegt die Leitungs- und Entscheidungsmacht immer noch bei Pfarrpersonen. Angesichts von demographischen Wandel, Nachwuchsmangel für den pastoralen Dienst und schwindenden finanziellen Ressourcen setzt Kirche immer mehr auf das Ehrenamt. Dann aber bitte auch in der Leitung auf allen Ebenen!

P.S. Ein solcher Schritt setzt auch zeitliche Ressourcen bei den Pfarrpersonen frei, denn die Leitung eines Presbyteriums oder eines Kirchenkreises bedeutet immer auch sehr viele Stunden Verwaltungsarbeit, eine Tätigkeit, auf die weder Theologiestudium noch Vikariat wirklich vorbereiten…